Die 2. Handball-Bundesliga gilt auch in der Saison 2026/27 wieder als extrem ausgeglichen. Anders als in der letzten Saison könnte die Leistungsdichte hinter den Topfavoriten noch einmal größer geworden sein. Wer kämpft um den Aufstieg? Wer könnte überraschen? Und welche Teams müssen sich eventuell auf einen Kampf um den Klassenerhalt einstellen? Meine persönliche Einschätzung vor dem Saisonstart.
In der vergangenen Saison gab es mit der SG BBM Bietigheim einen klaren Topfavoriten auf den Aufstieg. Alle anderen Teams ordneten sich mehr oder weniger dahinter ein. Diese Einschätzung beruhte auf der Kaderqualität der Bietigheimer und ihrer insgesamt starken Saison in der 1. Bundesliga.
Geht man in diesem Jahr rein nach der Qualität der Kader, gibt es erneut einen Topfavoriten auf den Aufstieg – und zwar einen mit drei Sternchen: den SC DHfK Leipzig. Der Sportclub verfügt über Spieler, die wirken, als hätten sie sich in die 2. Bundesliga „verlaufen“. Allen voran der deutsche Nationalspieler Franz Semper oder Spielmacher Dean Bombač. Das Ziel der Messestädter ist der sofortige Wiederaufstieg. SC-Geschäftsführer Karsten Günther sprach mit Blick auf dieses Ziel davon, der „19. Bundesligist“ sein zu wollen.
Der zweite Favorit auf den Aufstieg ist aus meiner Sicht GWD Minden. Neben Leipzig ist Minden der zweite Absteiger aus der 1. Bundesliga. Die Mindener sind auf dem Papier zwar nicht besser besetzt als Leipzig, könnten aber gewisse Vorteile haben. Sie wirkten in der vergangenen Saison deutlich homogener als der SC DHfK und reizten ihr Leistungsvermögen häufiger aus. Zudem verfügen viele Spieler im Kader über langjährige Zweitligaerfahrung und dürften daher kaum Anlaufzeit benötigen. Minden könnte also ein Problem umgehen, welches schon so mancher Absteiger hatte. Und ganz wichtig: Leipzig wie Minden sehe ich zudem auf der entscheidenden Torhüterposition für Zweitligaverhältnisse überdurchschnittlich gut besetzt, um nicht zu sagen erstligareif.
Die Dresdner, die in der vergangenen Saison lange im Aufstiegsrennen mitmischten und einen Vereinsrekord nach dem anderen aufstellten, wollen auch in dieser Saison ihren großen Aufstiegstraum verwirklichen. Das wird angesichts der starken Konkurrenz erneut eine schwierige Aufgabe. Der Kader blieb weitgehend zusammen und wurde mit vier Neuzugängen verjüngt. Verjüngung bedeutet aber auch, dass die Neuzugänge Zeit brauchen werden, um sich an Mannschaft und Liga zu gewöhnen. Besonders interessant wird sein, wie die Sachsen ihre Entwicklung in der Defensive vorantreiben. Vor allem in diesem Bereich sollte der HC Elbflorenz noch zulegen, wenn er ganz oben mitspielen will. Deshalb sehe ich aktuell Minden und Leipzig insgesamt noch ein Stück vor Dresden. Die Dresdner sind für mich jedoch die Mannschaft, die bei Ausschöpfung ihres Potenzials den beiden Topfavoriten am ehesten gefährlich werden kann.
Mit weiteren Anwärtern auf die Top fünf oder sechs tue ich mich dagegen schwer. Abgesehen vom VfL Eintracht Hagen, welcher erneut einen starken Kader zusammen hat, drängen sich nicht viele Vereine auf. Insgesamt sehe ich die Liga sogar ausgeglichener als in der vergangenen Saison, denn so richtig herausstechen für mich nur Leipzig und Minden.
Der VfL Lübeck-Schwartau ist vielleicht für eine kleine Überraschung gut. Die Entwicklung der Norddeutschen stimmte in den vergangenen Jahren. Sollte sie noch nicht abgeschlossen sein, ist auch in der Tabelle eine weitere Steigerung möglich. Das allerdings nur, wenn der VfL es schafft, den Abgang von Janik Schrader zum Bergischen HC einigermaßen zu kompensieren. Gelingt das nicht, ist der VfL aus meiner Sicht ein Kandidat für das sichere Mittelfeld.
Der Sonderfall unter den Kandidaten für die oberen Tabellenplätze ist die HSG Nordhorn-Lingen. Die meisten Schlagzeilen vor der Saison machte die HSG allerdings aufgrund ihrer massiven finanziellen Probleme. Inzwischen steht fest, dass den Nordhornern am Saisonende sechs Punkte abgezogen werden. Es bleibt abzuwarten, wie sich dies auf den Saisonverlauf und die sportlichen Ziele auswirken wird.
Rein sportlich ist der HSG durchaus eine Platzierung im oberen Tabellenmittelfeld zuzutrauen – vorausgesetzt, sie schafft es, den Abgang von Torhüter Kristian van der Merwe zu kompensieren. Er bestimmte in den vergangenen Jahren das Torhüterniveau in der 2. Liga entscheidend mit. Wie Schrader wechselte auch er in die 1. Liga zum Bergischen HC. Durch den Abzug von sechs Punkten wird der Weg zu einer vorderen Platzierung allerdings deutlich schwieriger.
Es gibt aus meiner Sicht viele Mannschaften, die nicht zwingend als Abstiegskandidaten gelten. Das unterscheidet sich deutlich von der vergangenen Saison, als der HC Oppenweiler/Backnang und die HSG Krefeld Niederrhein bereits vor Saisonbeginn als relativ klare Kandidaten für den Gang in die 3. Liga galten.
Die Aufsteiger ASV Hamm-Westfalen und TV Emsdetten kommen durchaus für eine stabile Saison infrage und wirken zunächst nicht wie typische Abstiegskandidaten. Vor allem der ASV war vor seinem einjährigen Intermezzo in der 3. Liga über Jahre hinweg ein etabliertes Spitzenteam der 2. Bundesliga. Ob dies nach dem direkten Wiederaufstieg sofort wieder gelingt, bleibt allerdings abzuwarten.
Auch Mannschaften wie die Eulen Ludwigshafen oder der TuS N-Lübbecke, für die es lange Zeit eher bergab ging, haben sich in der vergangenen Saison stabilisiert, sodass man ihnen eine ordentliche Spielzeit zutrauen darf. Der TuS besitzt aus meiner Sicht sogar ein gewisses Überraschungspotenzial für einen starken einstelligen Tabellenplatz.
Eine ähnlich stabile Saison traue ich auch dem Dessau-Roßlauer HV und dem TV Hüttenberg zu. Wobei man bei den Sachsen-Anhaltern beobachten muss, wie sie den Weggang von Leistungsträger Fritz-Leon Haake verkraften.
Auch dem TuS Ferndorf traue ich eine Saison ohne größere Sorgen zu. In der vergangenen Spielzeit gab es kaum ein Team, das mehr knappe Spiele verlor als der TuS. Gut möglich, dass sich dieses Pendel nun in die andere Richtung bewegt. Zudem wirkt Ferndorf auf mich gefestigter als einige direkte Konkurrenten – und genau das kann in einer ausgeglichenen Liga den entscheidenden Unterschied machen.
Selbst der TUSEM Essen, der in der vergangenen Saison lange gegen den Abstieg kämpfen musste, stabilisierte sich nach der Übernahme des Traineramts durch Kenji Hövels zunehmend. Trotzdem stehen hinter den Essenern für mich weiterhin größere Fragezeichen im Hinblick auf den Klassenerhalt.
Wenn man davon ausgeht, dass es in einer extrem ausgeglichenen Liga auch Mannschaften treffen kann, denen in den vergangenen Jahren die sportliche Entwicklung gefehlt hat, muss wohl auch der TV Großwallstadt genannt werden. Sollte der TVG in dieser Saison keinen Entwicklungsschritt machen, könnte es ihn durchaus erwischen.
Extrem schwer einzuschätzen sind für mich zunächst die Teams mit den wahrscheinlich jüngsten Kadern. Da wären einerseits der VfL Potsdam und andererseits der TSV Bayer Dormagen.
Die Dormagener spielten trotz ihrer jungen Mannschaft eine gute Saison, hatten mit fünf Punkten Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz aber auch keinen allzu großen Puffer. Zudem verlor man mit Finn Schroven einen absoluten Leistungsträger, der das Niveau auf Halbrechts maßgeblich prägte. Das wird nur schwer zu kompensieren sein. Auf der anderen Seite ist der TSV weiterhin ein Team mit großem Entwicklungspotenzial, und das könnte innerhalb der Spielzeit mit Punkten belohnt werden.
Und der VfL? Das Farmteam der Füchse Berlin und inzwischen auch teilweise eine Station für italienische Nationalspieler kann immer wieder auf neue, hungrige Talente zurückgreifen. Ob es in dieser Saison allerdings noch einmal für eine Platzierung unter den Top fünf reicht wie im Vorjahr? Ich habe da meine Zweifel. Während ich den VfL im Kampf um den Klassenerhalt klar außen vor sehe, kann ich das beim TSV Bayer Dormagen aber nicht mit derselben Überzeugung sagen.
Eine weitere Mannschaft, hinter die ich ein großes, etwas sorgenvolles Fragezeichen setzen muss, ist der HSC Coburg. Kein Team verzeichnete im letzten Drittel der vergangenen Saison einen vergleichbaren Leistungseinbruch. Zudem musste der Verein mit Mikael Helmersson und Janis Pavels Valkovskis zwei absolute Leistungsträger ziehen lassen. Neuzugang Savvas Savvas, den viele Zweitligabeobachter noch kennen dürften, ist dagegen eine Art Wundertüte. Also genauso wie für mich der HSC 2000 Coburg.
Am Ende bleibt vieles Spekulation – und genau das macht den Reiz einer Saisonvorschau aus. In einigen Monaten werden wir wissen, welche Einschätzungen sich bewahrheitet haben und welche nicht. Langeweile dürfte die 2. Bundesliga auch 2026/27 sicher nicht bieten. In diesem Sinne: Freuen wir uns drauf!
Text: Wolfram Wegehaupt